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Persönliche und soziale Komponenten der Tierbeziehung von Kindern

Warum sich manche Kinder mehr für Tiere interessieren als andere – untersucht in einem Niederösterreichischen Landeskindergarten in Krems

Wedl, M. & Kotrschal, K. (2009): Social and individual components of animal contact in preschool children. Anthrozoös 22 (4), 383-396.

Mit ethologischen und psychologischen Methoden wurde untersucht, welche individuellen und sozialen Faktoren Intensität und Qualität des Tierkontaktes von Kindergartenkindern bestimmen. Dies ist eine Frage erheblicher Tragweite, denn es bleibt bislang unklar, warum selbst Menschen desselben Kulturkreises das ganze Spektrum von begeisterter Zuwendung zu Tieren, über Desinteresse bis zur Ablehnung von Tierkontakten zeigen. Die Grundstrukturen der individuellen Komponenten der Mensch-Tier-Beziehung sollten gerade im Kindergartenalter erkennbar sein. Im Zentrum stand die Frage, ob Tierkontakt dazu dient, Defizite in der Sozialisierung und in der Interaktion mit anderen Kindern zu kompensieren (Kompensationshypothese), oder ob vor allem jene Kinder mit Tieren Kontakt aufnehmen, welche auch gut mit ihren SpielkameradInnen vernetzt sind (soziale Kompetenzhypothese). Dazu wurde untersucht welchen Einfluss das Geschlecht, das Alter, Haustierbesitz, Geschwisterstand sowie Persönlichkeit und Spielverhalten der Kinder auf Intensität und Qualität des Tierkontaktes haben.

Zur Untersuchung des Tierkontaktes diente der Kontakt von Kindergartenkindern zu Kaninchen (zwei erwachsene Weibchen und drei Jungtiere im Haus sowie ein erwachsenes Männchen im Garten) eines Niederösterreichischen Landeskindergartens, in welchem Tiere - Kaninchen, Fische, Kaulquappen, Molche und Insekten - einen wesentlichen Bestandteil des pädagogischen Konzeptes darstellen. Die Kinder hatten zu den Tieren während der freien Spielzeit immer Zugang. Zur Zeit der Datennahme besuchten 50 Kinder (28 Mädchen und 22 Knaben) im Alter von 3 bis 7 Jahren regelmäßig den Kindergarten.

Die Analyse der Tierkontakte erfolgte mittels Videoaufzeichnungen. Bänder von neun Tagen wurden mithilfe der Software The Observer Video Pro (Noldus) kodiert. Berücksichtigt wurde einerseits die Frequenz der Beschäftigung mit Tieren (Anzahl der Beobachtungen bei Beschäftigung mit Tieren pro Kind und Tag), andererseits die mittlere Dauer des dabei beobachteten Verhaltens (min/Kind/Tag). Spielverhalten wurde in standardisierter Form an 17 Tagen jeweils in der Freispielzeit von 8:15 Uhr bis 8:45 Uhr unabhängig vom Tierkontakt direkt beobachtet. Dabei wurden Gruppen-, Parallel-, Alleinspiel und zuschauendes Verhalten unterschieden. Die Persönlichkeit der Kinder wurde über Bewertungen durch 2 Kindergärtnerinnen ermittelt. Die statistische Analyse der Daten (Hauptkomponentenanalyse, Verallgemeinerte Lineare Modelle) erfolgte mithilfe der Software SPSS 15.

Generell zeigte sich, dass sich Mädchen, Kinder mit Geschwistern, und Kinder ohne Haustiere mehr mit den Kaninchen beschäftigten als Buben, Kinder ohne Geschwister und Kinder, die Haustiere besaßen. Je älter die Kinder, desto weniger oft beschäftigten sie sich mit den Kaninchen, aber desto länger hielten sie sich bei den Kaninchen auf, wenn sie sich mit ihnen beschäftigten. Je „selbstsicherer/angesehener“ die Kinder (PCA-Faktor 1) und je weniger „geduldig/ruhig“, “fröhlich/gesellig“ und “einzelgängerisch” (PCA-Faktoren 2 - 4) die Kinder, desto länger waren sie direkt mit den Kaninchen beschäftigt. Weiters zeigte sich, dass die meisten Effekte, die die untersuchten Variablen auf die Häufigkeit und Dauer der Beschäftigung mit den Kaninchen ausübten, zwischen Buben und Mädchen variierten.

Unsere Ergebnisse unterstützen die „soziale Kompetenzhypothese“: Die Intensität und Qualität des Kaninchenkontaktes von Kindergartenkindern von wird in einer geschlechtsspezifischen Art von einer Reihe von individuellen und sozialen Faktoren beeinflusst. Sozial gut vernetzte Kinder zeigten auch die meisten und längsten Tierkontakte. Diese Ergebnisse können zu einem besseren Verständnis der Mensch-Tier-Beziehung führen und sind für das Zusammenleben von Mensch und Tier generell und speziell den Einsatz von Tieren in der tiergestützten Pädagogik und Therapie von großer Relevanz.

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Forschungsgruppe
Mensch-Tier-Beziehung

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Letzte Änderung: 13.08.2010 - 14:52